Mein zweiter Marathon: durchgezogen

18. Fränkische Schweiz-Marathon 2017

Diesmal ist es kein Marathonwochenende, wie beim ersten Marathon, sondern ein ganz normaler Sonntag mit dem Unterschied, dass der Wecker bereits um 5:30 Uhr zum Frühstück ruft. Aber auch heute werden wieder zwei Bananen gequetscht, kommen Müsli und Milch drüber und somit wird zusammen mit Kaffee die notwendige Energie für 42,195 Kilometer zugeführt.

Auch diesmal ist meine Frau Alex als Support am Start. Um 7 Uhr steigen wir ins Auto und nehmen noch eine Bekannte mit, die heute einen schnellen Trainings-10er für den Chicago-Marathon laufen will.

Da die Lauf-, Skater- und Handbike-Wettbewerbe auf der an diesem Sonntag gesperrten Bundesstraße 470 ausgetragen werden, ist die Anfahrt nach Ebermannstadt nicht ganz so einfach, da uns das Navi natürlich über die Bundesstraße leiten will. Aber die netten Herren von der Feuerwehr, die an einer Absperrung stehen, leiten uns gerne weiter.

In Ebermannstadt erweist es sich von Vorteil, dass wir letztes Jahr bereits zum Halbmarathon da waren. So kennen wir uns schon ein wenig aus, und ein Parkplatz und die Startnummernausgabe sind gleich gefunden. Auch dieses Jahr ist hier alles super organisiert, so dass es an der Startnummernausgabe und am Start sehr entspannt zugeht.

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Quelle: privat

Dichter Nebel bedeckt an diesem Morgen die fränkische Schweiz. Die Temperatur liegt noch unter 10 Grad. Daher behalte ich das lange Shirt unter meinem Laufshirt an und obwohl ich mich fast 10 Minuten eingelaufen hatte, starte ich mit kalten Händen um 8:40 Uhr in das Rennen.

Die ersten Minuten versuche ich mich nicht von dem Tempo der 282 anderen Teilnehmer mitreißen zu lassen und habe nach ca. einem Kilometer mein Tempo gefunden.

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Quelle: privat

Die ersten fünf Kilometer verlaufen auf der rechten Straßenseite Richtung Forchheim nach Weilersbach, die nächsten fünf Kilometer auf der anderen Straßenhälfte nach Ebermannstadt zurück.

Streckenverlauf
Quelle: http://www.fs-marathon.de

Eigentlich finden an diesem Tag an jeder noch so kleinen Ortschaft an der Strecke Straßenfeste statt, was regelmäßig Publikum bedeutet, nur sind so früh am Morgen nur die ganz Harten schon da, so dass es erst an der Wende den ersten stärkeren Push vom Publikum gibt. Den nächsten Schub gibt es dann kurz nach der Wende als mich Michael entdeckt und mir von der anderen Straßenseite herübergrüßt.  Nun sind meine Hände und mein ganzes System warm und ich fange an, das Rennen zu genießen.

Da kurz hintereinander die Handbiker, die Skater, die Marathonis und die 10-Kilometer-Läufer auf die Strecke gelassen wurden, begegnen dir auf der anderen Straßenseite immer wieder Sportler, so dass es hier immer wieder etwas zu sehen gibt oder es zu Begegnungen kommt. Bei Kilometer 8 entdecke ich dann unsere bekannte 10-Kilometer-Läuferin im vorderen Teil des Feldes.

Zurück in Ebermannstadt wartet neben viel Publikum an der Start-/Ziellinie Alex am vorher vereinbarten Boxenstopp, um mein langes Shirt entgegenzunehmen. Perfekt getimt, denn kurz hinter Ebermannstadt schafft es die Sonne endlich durch den Nebel und die fränkische Schweiz erstrahlt in ihrer ganzen Sommerpracht.

Nun befinde ich mich für die nächsten 10,5 Kilometer auf der Halbmarathonstrecke, also auf bekannten Terrain, so dass ich weiß, was auf mich zukommt und auf welche nächsten Highlights ich mich in absehbarer Zeit freuen kann. So teilt sich die Strecke in viele schöne Teilziele zum Anlaufen.

An der nächsten Verpflegungsstation ist der Behälter für die Becher direkt am Ausgabetisch. Allerdings kann ich beim Laufen nicht so schnell trinken und umkehren ist auch doof, so dass ich den Becher in meinen Formbelt klemme, denn in die Gegend will ich ihn auf keinen Fall pfeffern.

Bei Kilometer 14 erreichen wir erstmals Streitberg, wo traditionell der Bär steppt: Straßenfest, Sambaband nebst Tänzerinnen, Moderator der fleißig die Läufernamen durchgibt und ganz viel Anfeuerung. Nur kann ich in dem ganzen Trubel keinen Mülleimer entdecken, so dass ich meinen Becher einer verdutzten Dame in die Hand drücke, mich artig bedanke und dann schon wieder davon sause.

Bei Kilometer 18 geht es durch die nächste Party in Muggendorf. Danach wird es ruhiger und ich genieße die Landschaft, bis mich die Pfeife des Dampfzugs, der zur Feier des Tages im Tal auf und ab fährt aus den Betrachtungen reißt.

Da ich bis dahin noch im Trainingspulsbereich unterwegs bin, hält sich die sportliche Herausforderung, trotz der welligen Straße noch in Grenzen. Und obwohl bei Kilometer 19 eine Trommelband das ganze Tal zum Beben bringt, bleibt mein Puls unter 80% der maximalen Herzfrequenz (HFmax) bei ca. 148 bpm. Aber das ändert sich genau bei Kilometer 21,5 und das Rennen beginnt:

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Quelle: runalyze

Während mein Puls also so langsam Wettkampfniveau erreicht, hat der bis dahin führende des Rennens seinen Kreislauf zum Kollabieren gebracht. Zumindest vermute ich das, als Sanitäter ihn auf der Gegenseite auf die Trage legen. Zeit für ein wenig Demut…

Inzwischen habe ich die Halbmarathonwende hinter mich gebracht und befinde mich wieder auf unbekanntem Wege. Da kommt das nächste Stimmungsnest am Bahnhof Behringersmühle mit Moderator gerade recht. Bei Kilometer 26 dürfen dann auch die Marathonis wenden. Klar, dass kurze Zeit später Michael wieder herübergrüßt. Er sieht noch verdammt gut aus, allerdings läuft er heute, wie ich im Ziel erfahre, als 4-Stunden-Pacemaker für einen Freund, also nicht Vollgas.

Derweil spinnt das GPS meiner Laufuhr und zeigt mir eine viel zu hohe Geschwindigkeit an. Kilometer 28 und 29 waren, obwohl es tendenziell bergab ging, niemals so schnell wie angezeigt (und Kilometer 30 nicht so lahm):

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Quelle: runalyze

Also orientiere ich mich am Puls, der bei 160 bpm noch im grünen Bereich ist. Dem Moderator am Bahnhof Beringersmühle antworte ich auf seine Frage, ob bei mir alles Gut sei, deshalb wahrheitsgemäß mit „JA“.

Bei Kilometer 32 an der Halbmarathonwende mischen sich dann die schnellen Halbmarathonläufer, die um 10:45 Uhr auf die Strecke gelassen wurden, unter uns Marathonis. Und obwohl ich das im Voraus wusste, irritieren mich die schnellen Schritte hinter meinem Rücken und das ständige Überholenwerden ungemein.

Nach erneuter Trommelbeschallung erreichen wir wieder Muggendorf, wo mich Christa herzhaft anfeuert und mir den nächsten Motivationsschub gibt. Kurze Zeit später bei Kilometer 35 saust dann auch noch Halbmarathoni Jörg an mir vorbei, der mit seiner Bemerkung, dass der 3:45-Stunden-Pacemaker nicht allzuweit hinter mir sei, und seiner Frage, ob ich mich einholen lassen oder bis ins Ziel „durchziehen“ wolle, meinem Rennen die entscheidende Wendung gibt. Denn dass ich hier auf unter 3:45-Stunden-Kurs bin, hatte ich bis dahin noch gar nicht realisiert, zumal natürlich inzwischen die Beine und Füße ordentlich schmerzten.

Nun musste ich also die Frage für mich beantworten: Durchziehen? Ich schaute nach hinten: ja der Pacemaker war deutlich zu sehen.

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Quelle: https://www.facebook.com/Fr%C3%A4nkische-Schweiz-Marathon-231082530239370/

Aber ich wusste auch, nach Streitberg kommen noch zwei Anstiege. Und es waren noch 7 Kilometer bis ins Ziel. In Düsseldorf hatte ich mich entschieden, sicher ins Ziel zu kommen, war also ab Kilometer 35 defensiv gelaufen. War ich schon bei meinem zweiten Marathon so weit, dem Hammermann zum Trotz, Vollgas zu geben? Ich prüfe meinen Körper: da die Verpflegungsstationen sehr zahlreich waren hatte ich keinen Durst. Mein Fruchtmus und meine zwei Riegel hatte ich verputzt und sehr gut vertragen. Energie müsste also genung zur Verfügung stehen. Andererseits ging es bereits auf 12 Uhr zu und die Sonne schien. Kreislauf ist supergut. Die Füße und Beine schmerzen. Die Muskeln fühlen sich aber gut an. Die Schulter ist total verspannt.  Also Entscheidung! Und die heißt: Vollgas!

Ich stelle das Zifferblatt meiner Uhr von Pace- auf Pulskontrolle und beschleunige bis kurz vor den roten Bereich, der bei 167 bpm also 90% HFmax liegt!

In Streitberg bekomme ich die Superstimmung zwar mit, bin aber mehr in mir als außer mir. Kaum bin ich am Moderator vorbei, begrüßt dieser den 3:45-Stunden-Pacemaker: verdammt! Ich sause den kleinen Abstieg hinunter und bald geht es wieder hinauf. Noch drei Kilometer.

Der letzte Anstieg in der prallen Sonne bei Kilometer 41 treibt meinen Puls endgültig in den roten Bereich: 172 bpm! Oben angekommen, jetzt geht es bis zum Ziel nur noch abwärts, jetzt muss ich nur noch laufen lassen. Aber meine Füße und Oberschenkel jaulen bei jedem Schritt. Ich zähle die Meter in 100er-Schritten runter. Nur nicht einholen lassen. Noch 500 Meter. Die Ziellinie ist in Sicht. Jetzt nur nichts anmerken lassen und auf ordentichen Laufstil achten, denn es sind echt viele Zuschauer und Kameras da. Auch vor den Cheerleadern willst du gut aussehen. Wo sind eigentlich die verdammt guten Endorphine vom ersten Marathon? Warum zum Kuckuck gibt es kein Runners-High, wenn man es mal braucht?

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Quelle: privat

Im Ziel taumle ich zuerst zu meiner Frau und klammere mich an die Bande. Scheiße hat das weh getan! Ach ja, da war noch was: die gute Dame muss mir die Finisher-Medaille fast aufdrängen. Erst jetzt realisiere ich, was ich da gerade geleistet habe: die 3:45h-Schallmauer durchbrochen! Die Zeit vom ersten Marathon um über 10 Minuten verbessert!! Die zweite Rennhälfte 1:30 Minuten schneller gelaufen, als die erste!!! Und vor allem: durchgezogen!!!! Und das beim erst zweiten Marathon!!!!!

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Quelle: privat

Jetzt sind die Schmerzen schnell vergessen. Jetzt werden mit Jörg und Michael die Glückwünsche ausgetauscht. Jetzt steht auch Zac, wie verabredet, im Ziel zum Plausch bereit.

Je euphorischer meine Stimmung wird, um so schlechter wird das Wetter. Als es zu tröpfeln beginnt, machen Alex und ich uns auf Richtung Marktplatz, den Nudelgutschein aus dem Starterbeutel einlösen. Die Nudeln gibt es dann bei strömendem Regen. Die Armen, die jetzt noch auf der Strecke sind… aber die haben wahrscheinlich nicht durchgezogen!

Das Video zum Lauf

18. Fränkische Schweiz-Marathon 2017
Distanz: 42.195 km / Dauer: 03:43:29 / Pace: 05:18

Zahlen, Daten, Fakten zum Lauf

RUNALYZE / STRAVA / GARMIN CONNECT

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Quelle: privat
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